O Heiland reiß die Himmel auf

Beate Heinen, O Heiland, reiß die Himmel auf, 1993, © Ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 5499, www.klosterverlag-maria-laach.de                                                                

Heutzutage wissen wir, dass in Mitteleuropa von Ende des 16. bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts vermutlich wegen eines riesigen Vulkanausbruchs eine kleine Eiszeit herrschte: Mit wenig Sonnenlicht, Ernteausfällen, Hungersnot und Seuchen. Dies war die Hochphase des sog. Hexenwahns: Weil die Menschen mit dem Unbegreiflichen und der Ohnmacht nicht umzugehen wussten, suchten sie nach vermeintlich Schuldigen. Schuld an der Misere war dann plötzlich die Nachbarin, die bei Vollmond im eigenen Garten unterwegs war. Der Jesuit Friedrich Spee durchschaute diesen Wahn und bekämpfte ihn mit all seinen Kräften. In diese große Verwirrung seiner Zeit hinein dichtet er den Liedtext: „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“ Spee richtete in einer Situation, wo die vernünftige Einsicht gänzlich verloren gegangen zu sein schien, seine ganze Hoffnung auf den Himmel, der aufreißen soll. In der Bibel gibt es 3 wichtige Stellen mit aufreißendem Himmel. In Jesaja 63 bittet das vom Exil in Babylon heimgekehrte Volk Israel Gott in aussichtsloser Situation: „Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir.“ In diesem Wort ist die ganze, letzte Hoffnung eines Volkes verdichtet. Bei der Taufe Jesu heißt es, während Jesus von Johannes getauft wird: „Da riss der Himmel auf und der Heilige Geist kam in Gestalt einer Taube auf ihn herab“. Wer getauft ist, lebt folglich unter dem offenen Himmel und ist mit seinem jederzeit erreichbaren Gott per Du. Nachdem Jesus am Karfreitag verstorben war, lesen wir: „Da riss der Vorhang im Tempel entzwei und die Sonne verfinsterte sich“. In der dunkelsten Stunde, im Augenblick des größten Hasses, öffnet Gott in der Hingabe seines sterbenden Sohnes den Himmel, um die größtmögliche Liebe sichtbar zu machen, welche Tod und Hass besiegt.

O Heiland reiß die Himmel auf – gerade in diesem Jahr kommt dieser Lied-ruf aus der Tiefe unseres Herzens. Inmitten der derzeitigen Überforderung und Aussichtslosigkeit steckt all unsere Sehnsucht nach Heil und Heilung in diesem einen Wort. Gott, unsere einzige Hoffnung. Gerade auch in diesem Jahr feiern wir den Advent! Der Advent ist einfach da, egal unter welchen noch so komplizierten Umständen wir uns befinden. „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal“. Wo wir einander nur vertrösten können, schenkt Gott echten Trost, welcher uns bestehen lässt. Trost aus seiner neuen Welt, Trost, den wir nur in Empfang nehmen können, wenn wir den Riss im Gefüge als seinen Eintrittsort in unser Leben identifizieren.                                                                  

Alois Krist

Theme: Overlay by Kaira